Eine neue Dynamik der Demokratisierung in Gang setzen

Von Andreas Novy

 

Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess.

Die Geschichte ist daher immer als eine Dynamik von Demokratisierungs- und Entdemokratisierungsprozessen zu verstehen. Selbst der Zustand an parlamentarischer Demokratie, den wir in Österreich heute als selbstverständlich ansehen, ist nur 57 Jahre alt. Aber vergessen wir nicht: Diese historisch einzigartige Dauer von Demokratie verdankt sich aber nicht zuletzt dem Umstand, dass sie auf eine besonders brutale und menschenverachtende Diktatur folgte. Die Nachkriegsjahrzehnte waren eine Phase der, wie es heißt „Konsolidierung der Demokratie“ – was ja auch schon einen Prozess und keinen Zustand anzeigt. Und auf die Konsolidierung folgte in den 60er und 70er Jahren eine echte Demokratisierungsoffensive. Von den USA ausgehend forderte die Bürgerrechtsbewegung eine Ausweitung bürgerlicher und demokratischer Rechte. In den berühmten Sit-ins forderten Schwarze, als KundInnen gleichberechtigt behandelt zu werden. Die weißen Lokalbesitzer verweigerten in den Südstaaten in der Regel, Schwarze zu bedienen. Das persönliche Recht, gleichberechtigt konsumieren zu können, prallte auf das Recht auf Eigentum. Die Besitzer wollten das Recht in Anspruch nehmen, Schwarze nicht als Gleiche anzusehen. Doch die Bürgerrechtsbewegung provozierte den Konflikt und zwang den Eigentümern das demokratische Recht auf Freiheit und Gleichheit auf. Auch die von Ordinarien dominierten Unis und die auf Drill basierenden Schulen wurden von dieser Dynamik erfasst, auch dort wurde die Macht in Frage gestellt. Nicht anders erging es dem Patriarchat, das von der Frauenbewegung herausgefordert wurde, dem Militär, das durch die Friedensbewegung delegitimiert wurde, und der Kirchenhierarchie, die sich der Kritik von Basisgemeinden ausgesetzt sah. Kurz, die demokratische Dynamik erfasste in den 1960er und 1970er Jahren alle Lebensbereiche. Die Ära Kreisky mit ihrer Reform des bürgerlichen Rechts und damit der Gleichstellung der Frauen, mit der Stärkung innerbetrieblicher Demokratie und der Universitätsreform muss als politische Umsetzung dieser von sozialen Kräften produzierten Bewegung verstanden werden.

            Im Rückblick erscheint mir eines ganz wichtig: Diese demokratische Bewegung ist nicht gescheitert. Sie wurde vielmehr von den Mächtigen beinhart bekämpft und schließlich besiegt. Aber, und da zitiere ich Adorno: eine historische Initiative, „die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward“. Warum scheiterte diese demokratische Initiative und woran scheiterte sie? Ich meine, sie scheiterte, weil sie einerseits die Machtfrage stellte und andererseits diese Macht nicht in ihrer ganzen Mächtigkeit verstand.

Der antidemokratische Gegenangriff bekam den Namen „Neoliberalismus“. Als Experimentierfeld diente die Peripherie der Weltwirtschaft. Am 11.September 1973 stürzte die chilenische Unternehmerschaft, unterstützt vom CIA, die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende. Mit Waffengewalt führte sie den freien Markt ein. Diese Verbindung von Gewalt und Markt bildete also von Anfang an das Merkmal des Neoliberalismus. Nach 1976 tötete in Argentinien eine neoliberale Diktatur über 30.000 vorwiegend junge Menschen – eine ganze Generation an StudentenführerInnen und AktivistInnen wurde ausgelöscht, um auch dort dem freien Markt zum Durchbruch zu verhelfen.

Im Zentrum wurde die politische und ökonomische Macht anders eingesetzt: Zwar führten auch Reagan und Thatcher Krieg: der eine direkt in Granada und indirekt durch die illegale Unterstützung von Todesschwadronen in Mittelamerika, die andere im Malvinen- bzw. Falklandkrieg . Und auch mit der Opposition im eigenen Land wurde keinesfalls zimperlich umgegangen: Sowohl mit dem Fluglotsenstreik als auch dem Bergarbeiterstreik wurde ein Exempel statuiert, welcher Pol fortan in der Beziehung von Arbeit und Kapital das Sagen haben wird. Doch all dies wäre nicht durchsetzbar gewesen, wenn nicht auch die viel weniger offensichtliche Gewalt des Geldes eingesetzt worden wäre: Die drastische Anhebung der Zinsen durch die US-Notenbank 1979 hatte einen Effekt, der sich als nachhaltiger herausstellen sollte, als der mit Waffengewalt durchgesetzte Regimewechsel. Eine Anhebung des Zinsniveaus hat nämlich nicht nur die allerorten hervorgestrichene Wirkung, die Inflation zu dämpfen, sondern hat auch dramatische Verteilungseffekte. Hohe Zinsen fördern die Gläubiger und benachteiligen die Schuldner. Nun ist es seit den Zeiten der Fuggers und Medicis bekannt, dass die Vermögensbesitzenden vorrangig einen Schuldner finanzieren: nämlich den Staat. Dies führt zu einer Umverteilung von Reichtum vom Staat zu den Vermögensbesitzenden. Damit gewannen die Besitzenden Macht über den Staat. Und der zweite Effekt hoher Zinsen ist die Drosselung der Konjunktur und damit die Anhebung der Arbeitslosigkeit, was wiederum die Gewerkschaften gegenüber den Unternehmen schwächt.

So stürzte diese US-Geldpolitik die Peripherie in eine zwanzig Jahre dauernde Verschuldungskrise. Im Zentrum führte sie Anfang der 80er Jahre allerorten zu Budgetdefiziten aufgrund des stark steigenden Schuldendienstes. Damit war der Weg freigemacht, um eine antidemokratische Dynamik in Gang zu setzen. Unter dem ideologischen Kampfbegriff „Sachzwang“ wurde fortan die Ökonomie dem Zugriff gestalterischer Politik entzogen. Andererseits wurden alle Wege freigemacht, damit die ökonomisch Mächtigen Gesellschaft gestalten können. Zuerst der Zwang zu Sparen und dann der Zwang, das Kapital zufriedenzustellen, steckte fortan ab, welche Handlungsspielräume der Politik verblieben.

Diese antidemokratische, aber vor allem die antisoziale Seite des Neoliberalismus sah sich zunehmender Kritik ausgesetzt. In den 90er Jahren kam deshalb als Antwort auf die konservativen Regierungen allerorten Regierungen an die Macht, die einen, wie ich es heute nennen würde, „Neoliberalismus mit menschlichem Antlitz“ durchsetzen wollten. Die ökonomischen Sachzwänge werden akzeptiert, im Kleinen aber, im Sozialen, da gelte es, die Ideale von Freiheit und Gleichheit zu verteidigen. Die sozialliberalen Regierungen der 90er Jahre versuchten sogar eine neue Dynamik der Demokratisierung in Gang zu setzen. Partizipation und Konsens waren hierbei die Leitbegriffe dieses neuen Politikverständnisses. An die Stelle einer brutalen von oben durchgesetzten Politik sollten breite Meinungsbildungsprozesse treten. Sowohl auf lokaler Ebene – mit diversen Bürgerbeteiligungsverfahren – als auch auf globaler Ebene – in den zahllosen UN-Konferenzen der 90er Jahre – ging es um eine möglichst breite und konsensuale Entscheidungsfindung. Heute würde ich sagen, dass dieser Versuch der Redemokratisierung in einer Sackgasse gelandet ist. Warum? Weil diese Bewegungen eben nicht die Machtfrage gestellt haben und weil sie akzeptierten, dass über alles demokratisch diskutiert wird – außer über Märkte, Geld und Nulldefizit. Der sozialliberale Versuch der Demokratisierung von unten ging nämlich einher mit der Durchsetzung der Ideologie freier Märkte auf der Ebene der EU (Binnenmarkt) und der Welt (Welthandelsorganisation WTO). Damit verkümmerte Demokratie zu einem Palaber darüber, wie wir die Wände unseres Gefängnisses ausmalen können.

Mit dem 11.September 2001 hat sich all dies verschärft. Bush und Berlusconi haben selbst mit dieser sozialliberalen Form von Demokratisierung wenig am Hut. Vielmehr setzen sie das brutale machtpolitische Kalkül von Reagan und Thatcher fort und kombinieren unverblümt die staatliche und ökonomische Machtkonzentration. Und wieder zeigt uns die Peripherie, wie bedrohlich die Entwicklung ist: das Schönreden der letzten 20 Jahre, das eine neue Weltordnung basierend auf Demokratie und Marktwirtschaft versprochen hat, wird immer unglaubwürdiger. Die Zuspitzung der Krisen im Nahen Osten und in Lateinamerika zeigt, auf welch tönernen Füßen die Demokratie steht, wenn der uneingeschränkte Vorrang von Markt und Unternehmertum gilt. In nicht wenigen Ländern steht die Demokratie in ihrer elementaren Form der parlamentarischen Demokratie am Scheideweg.

In dieser Situation erscheint es mir wichtig, noch einmal den Satz Adornos zu wiederholen. Eine historische Initiative, „die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward“. Die demokratischen Bewegungen, die in den 60er Jahren die Machtfrage stellten, und Herrschaft allerorten in Frage stellten an diese Bewegung muss angeschlossen werden. Und hier gibt es zwei Ansatzpunkte, die ich zum Abschluss dieser Ausführungen kurz erwähnen möchte. Es sind dies zwei Bewegungen, die den Kern dessen thematisieren, worum es meiner Meinung nach bei einer emanzipatorischen Demokratisierung im 21. Jahrhundert gehen muss. Beides hat mit Porto Alegre zu tun. Zum einen meine ich das Weltsozialforum und die Bewegung, die früher Antiglobalisierungsbewegung hieß und heute treffender als eine Bewegung für eine andere Globalisierung bezeichnet wird. Anti-Globalisierung erscheint mir deshalb eigentlich kein so schlechter Begriff, weil er andeutet, dass es einen Gegner gibt, dessen Macht es zu bekämpfen gilt. Indem Attac das internationale Kapital und den Währungsfonds als die Gewinner der Globalisierung denunziert, weigert sie sich, die Strategien der Mächtigen als Sachzwänge zu akzeptieren. Attac politisiert die Ökonomie und eröffnet damit Raum, ökonomische Entscheidungen zu demokratisieren. Deshalb lässt sich die Bewegung für eine andere Globalisierung auch auf den gemeinsamen Nenner zurückführen, dass sie die Sachzwangideologie ablehnt und der kollektiven Gestaltung von Gesellschaft, Kultur und Umwelt den Vorrang vor freien Märkten geben. Insofern unterscheiden sie sich da nicht sehr von Bush, der ja auch die amerikanischen Interessen vor die bürgerlichen Freiheiten, ja sogar den Freihandel stellt.

Aber Porto Alegre ist nicht nur Sitz des Weltsozialforums, es ist auch eine Millionenstadt, in der die Arbeiterpartei seit 14 Jahren die Budgeterstellung demokratisierte. In Porto Alegre erarbeitet nicht der Bürgermeister und die Verwaltung das Budget, sondern dieses wird von der Bevölkerung in einem Prozess teilhabender Demokratie festgelegt. In einer Mischung aus direkt- und repräsentativdemokratischen Elementen obliegt es der Bevölkerung zu entscheiden, welche Stadtteile vorrangig Mittel bekommen sollen, und welche Art von Investitionen getätigt werden: Sollen Schulen oder ein Kanal, Straßen oder ein Kulturzentrum entstehen, all diese Entscheidungen obliegen den BewohnerInnen. Die Teilhabe am Budget, die demokratische Entscheidung über öffentliche Investitionen, erscheint mir die logische Antwort auf die neoliberale Entdemokratisierungsstrategie. Wenn es stimmt, dass der Neoliberalismus wesentlich durch die Gewalt des Geldes durchgesetzt wurde, dann muss auch eine neue Dynamik der Demokratisierung um die Demokratisierung von Geld und Budget zentriert sein. Weil die antidemokratische Offensive von der Wirtschaftspolitik ausging und von dort aus das Rad der Geschichte in allen Bereichen zurückdrehte, von den Unis bis zur Gleichstellung der Frauen, muss deshalb die Wirtschaftspolitik in den Mittelpunkt einer demokratischen Alternative zum Neoliberalismus gestellt werden. Dies betrifft Fragen der Budgetpolitik, sei dies an Unis, Kindergärten oder Staatshaushalten, genauso wie die Geld- und Investitionspolitik. Und dies sollte gerade auch diejenigen berücksichtigen, die zu Recht meinen, dass die Ökonomie nicht der alles entscheidende Lebensbereich ist.

 

a. o. Prof. Dr. Andreas Novy, Abt. für Regional- und Stadtentwicklung an der Wirtschaftsuniversität Wien, zahlreiche Publikationen zu Fragen der Entwicklungstheorie und – politik, Mattersburgerkreis